AnotherWeek

Herzlich Willkommen zur neuesten Ausgabe von Another F*cking Week!

Einige Zeit blieb es still bei fyoumoney.de – mehrere eMails erreichten mich mit der Anfrage was denn da los sei. Keine Sorge, mein Aktiendepot ist keine Erbschaftsmasse, ich war lediglich beruflich etwas eingebunden. Im Februar werden Abschlüsse geschrieben, Kämpfe mit den Abschlussprüfern ausgetragen und die Augenringe entwickeln ihrerseits Augenringe. Alles damit Privatanleger und Hobby-Analysten die Abschlüsse danach bei Facebook in schmucke Aktienanalysen umwandeln können. Gern geschehen…

Finanzthema der Woche

Dennoch war noch Zeit übrig um sich über die eigenen Finanzen Gedanken zu machen. Mittlerweile arbeite ich bald neun Monate in den USA. Die Zeit ist schnell verflogen. Da ich, insbesondere beim Thema Finanzen, gerne ein Planner bin, brachte diese Zeit einiges an Unsicherheit mit sich. Wie würde sich der Wegzug aus Deutschland mittel- und langfristig auf meine Finanzen auswirken? New York City ist nicht gerade als billiges Pflaster bekannt. Wohnen, einkaufen, essen und Transport – alles kostet bare Münze.

Ich würde mich als sparsamen Menschen bezeichnen. Wie viele in der Finanzblog-Szene, sehe ich eine ordentliche Sparquote als Muss an. Nicht jeder Konsumlaune muss stets nachgegeben werden. Nach dem Studium hatte mein Fyou Money höchste Priorität. Ich habe mir kaum etwas von meinem Gehalt gegönnt. Erst wollte ich mir ein Polster ansparen. Vermutlich wird das Verhältnis zum Geld auch durch die Kindheit geprägt – wer mitbekommen hat, was es heißt, wenn Geld knapp ist, der neigt eher zum konservativen Umgang damit.

Nun liegt mein Berufseinstieg bereits einige Jahre in der Vergangenheit und es hat sich einiges getan. Auf der einen Seite hat sich meine Annahme bestätigt: Die Gewissheit zu haben, dass das Ersparte mich im Fall der Fälle einige Jahre lang versorgen kann, verschafft mir große Gelassenheit. Von Gehalt zu Gehalt zu leben – ich glaube das wäre schwierig für mich.

Auf der anderen Seite führt diese Gelassenheit auch zu einer nachlassenden Verbissenheit. Ein Kaffee bei Starbucks? Vor einigen Jahren für mich undenkbar! 3 Euro für mittelmäßigen Kaffee im Pappbecher, wenn man da den Zinseszinseffekt auf 20-30 Jahre bei einem angenommenen Konsum von 3-4 Kaffee pro Woche durchrechnet dann ist das mindestens fahrlässig, wenn nicht gar ruinös! Das werden dir ungefähr 85% aller Finanzblogs da draussen in einer kreativen Beispielrechnung vortragen.

Mittlerweile sehe ich das gelassener. Wenn Tim Schäfer zur täglichen Predigt des Konsumverzichts lädt, so trete ich stets gerne durch die Pforten der Frugalismus-Kirche und lausche dem Altmeister bei seinen Ausführungen. Zur Beichte gehe ich anschließend allerdings nicht mehr. Und fünf Ave-Tim zur Abschwur auf den Konsum-Teufel bete ich ebenfalls nicht mehr. Ich schätze die Arbeit die Tim macht sehr und lese es stets gerne, doch die Doktrin darin geht mir bisweilen zu weit.

Jegliche Ausgabe wird hinterfragt. Fünf schwarze T-Shirts im Schrank müssen reichen. Zum Starbucks geht man höchstens um ein Päckchen Zucker zu mopsen. Alles was nicht dem nackten Überleben dient (ja, ich überspitze auf künstlerische Art und Weise) gehört ins Depot. Denn vielleicht bist du dann mit 35 oder 40 oder 55 (terms and conditions apply) FREI!

Die Masche zieht. In den Kommentaren geilen sich Leser gegenseitig mit Sparquoten auf und machen sich über ihren Nachbarn lustig, der seinen Kinder gestern allen ein Eis von der Eisdiele spendiert hat. Sich überhaupt Kinder anzuschaffen, haha, absolut dilettantisch. Wie soll man so jemals frei werden? Darauf erstmal ein Glas Leitungswasser.

Was dabei stets im Hintergrund bleibt: Was ist denn Freiheit? Der Wegfall einer Lohnabhängigkeit bedingt noch keine Freiheit. Ein fehlendes Portfolio ist nicht gleichbedeutend mit einem Dasein in Sklaverei. Wer Jahrzehnte vor sich hin frugeliert, der mag irgendwann unabhängig von einem geregelten Einkommen sein. Freiheit oder gar Glück impliziert das jedoch nicht. Andererseits möchte ich auch nicht bezweifeln, dass dies bei einigen Leuten sehr wohl zu Glück führen kann. Wer allerdings täglich betonen muss, wie frei man doch sei und das größte Glück im Fingerzeig auf die vermeintlichen Konsumsklaven liegt, der wirkt auf mich weder frei noch glücklich.

Schon ein Nettovermögen, welches mir die oben angesprochene Gelassenheit gibt, führt bei mir zu großer Freiheit. Der Freiheit nicht alles so ernst zu nehmen, der Freiheit Risiken einzugehen, der Freiheit mir weniger Sorgen machen zu müssen und der Freiheit mir auch mal was vollkommen sinnbefreites zu kaufen, was mich nur für ein paar Stunden glücklich macht, keinerlei Rendite abwirft und jeglicher Rationalität widerspricht.

Mein Fokus ist immer mehr von der Ausgaben- zur Einnahmenseite gewandert. Dies wird häufig bei der Diskussion außer Acht gelassen. Sparen ist effizient, doch Einkommen hat einen längeren Hebel. Wenn ich sage, dass fast Jeder sein Einkommen auf Dauer erhöhen kann, wird man insbesondere in Deutschland schnell ausgebuht. Aspekte und Brisant in Zusammenarbeit mit Frontal 21 graben sogleich eine alleinerziehende Mutter mit 21 exotischen Krankheiten und einer das Gemeinwohl fördernde Mission aus und rufen: „Machst du dich etwa über diese arme Frau, die sich für Gesellschaft und Kinder aufopfert, lustig? Pfui. PFUI!“ – Ende der Diskussion. Die Wahrheit ist, eine entscheidende Mehrheit hat die Wahl langfristig mehr zu verdienen. Sogar ohne seine Seele an den Teufel zu verschachern. Doch das ist unbequem, ungewiss und appelliert an die Eigenverantwortung und damit ist es bei vielen nicht weit her.

Bei vielen Finanzblogs heißt es dann: „Ja cool, ABER mit den Einnahmen steigen die Ausgaben und dadurch hast du von deiner Gehaltserhöhung am Ende nichts außer einem krummen Rücken“. Ich glaube diese Rechnung ist falsch. Sie mag bei vielen Neureichen aufgehen. Wir alle kennen das Beispiel der NFL Stars, die wenige Jahre nach ihrer aktiven Karriere bereits pleite sind. Obwohl sie Millionen verdient haben. Daher möchte ich die Wichtigkeit des Sparens auch gar nicht untergraben. Lernen zu sparen, mit wenig auszukommen und aktiv zu verzichten ist stets der erste Schritt und eine unverzichtbare Grundlage. Meiner Erfahrung nach müssen die Ausgaben aber nicht zwangsweise mit einer Gehaltsanhebung nach oben gehen. Ich gönne mir zwar heute mehr als zu meinem Berufseinstieg, doch das Gehalt steigt dazu im Vergleich überproportional. Ich drehe nicht mehr jeden Cent um, dennoch erreiche ich meine Sparziele.

Wenn Sparsamkeit gar auf Kosten von Investitionen in die eigene Weiterbildung und das eigene Potenzial geht, halte ich das für enorm fehlgeleitet.

Blogpost der Woche

Der Post der Woche entspringt mal wieder der Feder von Ben Carlson (A Wealth of Common Sense). Dieser Woche fragte er sich: Why are people so miserable at work?

Ben stellt fest, dass sich Menschen immer mehr über ihre Arbeit definieren und gleichzeitig vermeintlich erfolgreiche Menschen anscheinend nicht glücklich sind. Es scheint ein Paradox zu sein: Menschen verdienen sechs oder siebenstellig, leben ein Leben im Luxus und scheinen dennoch im Durchschnitt nicht glücklicher zu sein, als ein ärmlicher Bürger im Mittelalter.

Wie ist das zu erklären? Einerseits vielleicht dadurch, dass Arbeit nie den Stellenwert einnehmen sollte, wie es heute der Fall ist. Wer sein Selbstbewusstsein lediglich über die Arbeit definiert und sein Glück vom Erfolg in der Firma abhängig macht, gerät laut Studien in Gefahr eine herbe Enttäuschung zu erleben.

Es ist schwer Mitleid mit einem Banker zu haben, der Millionen verdient aber sich nicht selbst verwirklichen kann, während andere auf dieser Erde Hunger leiden. Dennoch ist dies ein recht normales menschliches Phänomen, welches Maslow bereits in seiner berühmten Pyramide verewigt hat. Sobald unsere Grundbedürfnisse befriedigt sind, fokussieren wir uns auf die oberste Ebene der Pyramide: Selbstverwirklichung. Mehr Geld und Macht alleine hat ab einem gewissen Level erwiesenermaßen keinen Mehrwert mehr. Und wer auf der obersten Ebene der Pyramide sein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung nicht erfüllen kann, leidet mitunter genauso, wie jemand, der noch auf den untersten Ebenen der Pyramide ausharrt und versucht irgendwie über die Runden zu kommen. Ein interessantes psychologisches Phänomen.

Fuck You der Woche

Das Fuck You der Woche geht an das Vorsorgesystem in Deutschland. Dazu ist bereits viel gesagt worden, doch insbesondere mein Blick aus den USA auf das System, in welches ich irgendwann auch wieder zurückkehren möchte, hat meine Verärgerung noch gesteigert. Von einer gesetzlichen Altersvorsorge, die den Anforderungen einer Niedrigzinsphase (deren Ende nicht abzusehen ist) nicht gewachsen ist, über staatlich geförderte Anlageprodukte, die nur ihren Vermittlern eine Rendite erwirtschaften, hin zu einem Steuersystem, welches keinerlei Anreize zur Eigenverantwortung schafft.

In Sachen Sozialsysteme kann man sich bei den USA nicht viel abschauen. Arbeitslosengeld, Krankenversicherung, Pflege – für viele Bürger Fremdwörter. Doch einige Vorsorgeinstrumente sind denen in Deutschland um Meilen voraus. Ich bespare mittlerweile eifrigst meinen 401(k) Plan. Viele Arbeitnehmer in den USA haben einen solchen Plan. Es funktioniert recht simpel: Pro Jahr kann ich bis zu $18.500 von meinen brutto (!) Lohn beisteuern. Viele Arbeitgeber „matchen“ zusätzlichen einen bestimmten Prozentsatz. Häufig bis zu 4-8% vom Lohn. Arbeitgeberabhängig kann man selber entscheiden in welche Finanzprodukte das Geld angelegt wird. Bei mir gehen derzeit 100% in einen kostengünstigen S&P 500 Indexfonds.

Das bringt viele Vorteil mit sich:

(1) Ich spare heute Steuern, weil mein Bruttolohn sinkt. Später bei Ausschüttung werde ich aller Voraussicht nach einen geringeren Steuersatz haben, weil ich kein Einkommen mehr erziele.

(2) Es ist transparent. Ich kann jederzeit nachsehen, wie viel ich bereits erspart habe und wie meine Finanzprodukte performen. Meistens werden dem Arbeitnehmer gar Schätzungen an die Hand gegeben, wie viel er bei Renteneintritt zu erwarten hat. Wem das zu wenig ist, der kann die Beiträge erhöhen. Und man hat sich das ätzende Gespräch bei der Rentenversicherung gespart.

(3) Es schützt den Anleger vor sich selbst. Einmal auf Autopilot gestellt, läuft der 401(k) ganz alleine. Man könnte seine Existenz glatt vergessen. Man kommt nicht in Versuchung den Markt zu timen. Verkaufen geht nicht ohne weiteres. Änderungen werden erst im nächsten Monat wirksam. Cost Averaging passiert von ganz alleine. Die meisten Anleger würden von diesem „hands-off“ Ansatz profitieren.

(4) Es schafft Anreize. Der 401(k) ist pure Eigenverantwortung. Niemand ist gezwungen etwas beizutragen. Doch die Steuererleichterungen schaffen Anreize, die man sich nur ungern entgehen lassen möchte.

Warum man in Deutschland eine solche Option nicht schaffen kann, ist mir unerklärlich. Es würde so viel Bürokratie abbauen und die Ergebnisse für alle steigern. Die Option eines 401(k) zu schaffen bedeutet nicht den Sozialstaat abzuschaffen. Wer so argumentiert offenbart seine Ahnungslosigkeit und flüchtet sich in peinlichen Populismus. In Deutschland wird lieber eine Herdprämie eingeführt, als die Bürger bei ihrer eigenverantwortlichen Altersvorsorge zu unterstützen.

US Learning of the Week

Nicht nur in den USA sind gute Vorsätze zum Start ins neue Jahr weit verbreitet. Doch heutzutage ist „Abnehmen“ oder „fit werden“ nicht spezifisch genau. Die durchgetaktete Gesellschaft braucht Kategorien, Labels, Orientierung, Ersatzreligion. Wäre Rocky ein Millenial gewesen, so wäre er nicht im wenig atmungsaktiven grauen Baumwoll-Trainingsanzug durch Philly gejoggt, sondern wäre beim CrossFit in Lululemon-Tights zur Spotify Workout Playlist ordentlich steil gegangen und hätte anschließend die Fischöl-Supplement-Kapseln mit einem organic Protein-Super-Shake runtergespült. Die Industrie hätte es gefreut, Ivan Drago vermutlich auch.

sport

Meine Freundin hat mich überredet eine Ernährungsumstellung namens „Whole 30“ mitzumachen. Ich will zwar nicht abnehmen aber angeblich soll man sich dadurch totaaaal gut und fit fühlen. Für ein Experiment bin ich stets zu haben und habe daher kurzentschlossen zugestimmt. Ich hätte mir zunächst die Regeln durchlesen sollen. Kurz um: 30 Tage lang kein Alkohol, Getreideprodukte, Milchprodukte, Bohnen, Erdnüsse, Produkte mit Zuckerzusatz, Soja, Süßstoffe, alles fritierte und so einiges anderes. Es bleiben im Wesentlichen Wasser, Gemüse, Fleisch.

In den USA ist diese Diät sogar so trendy, dass Chipotle eine Whole30-Bowl anbietet. Und tatsächlich ist es interessant, weil man gezwungen ist stets alle Zutaten zu lesen. Erstaunlich wo überall Zucker und Soja auftauchen.

Mittlerweile sind wir fast am Ziel. Tag 26. Während meine Freundin erstaunlich viel Gewicht verloren hat, hat sich bei mir nicht viel getan. Vielleicht, weil ich ohne Ende Mandeln und andere Nüsse in mich hineinstopfe… Besonders viel fitter fühle ich mich nicht, ernähre mich allerdings normalerweise auch nicht allzu schlimm. Interessant ist, dass das Verlangen nach Brot, Nudeln und Schokolade irgendwann komplett nachlässt und man nur noch von Hähnchenbrust mit Süßkartoffeln träumt…log er, während seine Gedanken bei einem kalten Bier und Burger waren.

Das Buch der Woche

Mein Lieblingsbuch diese Woche trägt den Titel „Mit dem Klapprad durch die Kälte“ von Tim Moore.

Tim Moore ist für seine Abenteuer auf dem Fahrrad bekannt, über die er anschließend in unterhaltsamen Büchern berichtet. Ich hatte zuvor bereits „Geronimo“ vom selben Autor gelesen, in dem er von seiner historischen Tour entlang der Strecke des Giro d’Italias von 1914 berichtet.

In seinem neuen Abenteuer hat er sich dazu entschlossen auf einem Klapprad aus DDR Produktion den ehemaligen eisernen Vorhang entlang zufahren. Also von Finnland bis zur Türkei. Ein spannendes Vorhaben und der Autor unterhält den Leser durch seinen britischen Humor und so einigen absurden Erlebnissen auf dem Weg auf exzellente Art und Weise. Kann man empfehlen!

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Wie immer freue ich mich über Feedback, Kommentare oder gerne auch Link-Tipps für die nächste Ausgabe und verbleibe ansonsten mit besten Wünschen für ein angenehmes Wochenende!

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5 Kommentare

  1. Unfassbar guter Artikel. Sehr schön geschrieben, ich bin immer wieder über deine Vergleiche inspiriert. Perfekt für eine kleine Lernpause 🙂

    Mein Fuckyou des Monats:
    https://t3n.de/news/steuer-onlinewerbung-fiskus-geplant-1144901/
    Schon allein das über so etwas ernsthaft nachgedacht wird. #Digitalstandortdeutschland

    Interessant, fand ich auch den Artikel aus der Schweiz.
    https://www.republik.ch/2019/02/26/warum-die-nationalbank-keine-renten-retten-muss

    Ich wünsche dir alles gute in Übersee. Möge das Kapital mit dir sein.

    Gruß,
    Pascal

    Ps. Kennst du den Chanel Living Bobby?

    • Hi Brian,

      Danke für fürs lesen! Ohne Witz: ich habe eine Word Datei auf meinem Laptop, die mal ein Buch werden soll. Bisher leider wenig mehr als eine Überschrift. Mal schauen 😉

  2. „Wäre Rocky ein Millenial gewesen, so wäre er nicht im wenig atmungsaktiven grauen Baumwoll-Trainingsanzug durch Philly gejoggt, sondern wäre beim CrossFit in Lululemon-Tights zur Spotify Workout Playlist ordentlich steil gegangen und hätte anschließend die Fischöl-Supplement-Kapseln mit einem organic Protein-Super-Shake runtergespült“

    hahaha … so geil !!
    Ich lieg am Boden.

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