Sich selbst in die Tasche lügen: Dividenden-Style

„Dividenden-Investor“, „#TeamDividende“, „Aristokraten“ – Dividenden sind wieder heißer Scheiß in der Finanz-Twitter Community. Das ist erstaunlich, denn in den letzten Jahren wurden stabile Dividendenzahler oft als langweilig geschmäht: Die dicke Kohle ließ sich mit Tech-Aktien machen. Die zahlen bekanntlich nur in den seltesten Fällen eine Dividende (oder machen überhaupt Gewinne, die sich ausschütten ließen).

Die Renaissance der Dividenden-Titel kommt mit super Aktien-Tipps auf Twitter und co. einher. Nebenbei erwähnt sei auch, dass interessanterweise immer häufiger Aktienweisheiten auf Instagram zu finden sind. Auf die absurdesten „Tipps“ und Weisheiten kann man da stoßen und weiß oft nicht ob das jetzt schon Satire ist, aber das hebe ich mir für einen separaten Beitrag auf. Üblicherweise läuft die Twitter-Interaktion in der Divi-Bubble so ab:

WallStreet-Adler (@Dieter1965NRW), Profilbild: BMW Motorrad, Bio: „Investor, Eintracht Frankfurt, mag Grillen, Fussi und Börse“, postet: „Gerade auf diese Dividendentitel gestoßen: 8% Rendite – Richtig geil. Und guck mal den Chart hier. #HighDividende. Keine Anlageempfehlung. [Money Smiley].“

ManiStuttgart (@ManiMachts), Profilbild: Keines, Bio: „Nur hier, wenn nicht gerade in der Gym. #Havefunstayingpoor.“, antwortet: „Ey geil, 8% ist echt lit. Gib mal WKN, Brudi!“

WallStreet-Adler (@Dieter1965NRW): „Ja mega, 8% kriegste sonst selten. Hier WKN: FYOU001“.

DiviMaus (@BoersenMaus1999): „Was macht das Unternehmen denn so?“.

WallStreet-Adler (@Dieter1965NRW): „Mh, irgendwas mit Energie und so. Stabile Bank [Emoji mit steigendem Chart]“.

DiviMaus (@BoersenMaus1999): „Weiß nicht, wie sind denn die Kennzahlen? Ist das risikoreich?“.

WallStreet-Adler (@Dieter1965NRW): „8% DIVIDENDE!“.

ManiStuttgart (@ManiMachts): „Kriegste selten.“

Dividenden kommen nicht ohne Risiko

Eine Dividendenrendite von 7% kann nicht ohne Risiko kommen. Insbesondere, wenn das zahlende Unternehmen gleichzeitig einen riesigen Schuldenhaufen und eine Historie gescheiterter Akquisitionen hat. Vielen Anleger wurde das in der letzten Woche mit AT&T schmerzlich bewusst. Nachdem der Merger von WarnerMedia mit Discovery perfekt ist, wird die Dividendenrendite auf ca. 4,6% fallen (Konkurrent Verizon steht derzeit bei 4,4%, Deutsche Telekom bei 3,5%). Einige reagiert empört, fühlten sich betrogen, Aktien wurden abgestoßen. Wie konnte man nur so kaltblütig die heilige Dividenden-Kuh schlachten??

Wer nicht einfach nur nach Dividendenrendite kauft, sondern sich etwas näher mit dem Unternehmen beschäftigt, war wahrscheinlich wenig überrauscht. Der Schuldenberg ist riesig, das Kerngeschäft hinkt hinter der Konkurrenz zurück und die gewünschten Synergien durch die Akquisitionen blieben zum Großteil Luftschlösser.

Ist die Kürzung der Dividende jetzt Grund die Aktie abzustoßen? Das kommt natürlich auf das individuelle Anlegerverhalten an. Wer auf laufende Dividendenzahlungen angewiesen ist, wird sich eventuell neu aufstellen wollen (wobei AT&T auch weiterhin gute Dividende zahlen wird). Ich selber schaue auch die gesamte Rendite: Dividende plus Kurs. Für letzteren sehe ich den Deal als sehr positiv. Discovery wird zu einem schlagfertigen Medienriesen samt erfahrenen CEO und AT&T kann sich endlich auf sein Kerngeschäft konzentrieren. Ich behalte meine Aktien.

Also nicht nach Dividenrendite suchen?

Dividende ist für mich ein wichtiges Auswahlkriterium. Mein Ziel ist es in der Zukunft durch Dividenden einen großen Teil meiner Fixausgaben decken zu können. Doch während Dividendenrendite den „biggest bang for your buck“ verspricht, ist es als einziges Auswahlkriterium nicht ausreichend. Christian Röhl hat auf seiner Seite „DividendenAdel“ das magische Viereck vorgestellt. Es besteht aus vier Auswahlkriterien: Kontinuität, Payout, Wachstum, Rendite. Wer sich daran orientiert, wird langfristig mehr Spaß mit seinem Portfolio haben.

Ein gutes Beispiel ist Frontline ($FRO), ein Schifffahrtsunternehmen, welches Öltanker besitzt. Laut Yahoo Finance weißt das Unternehmen derzeit eine Dividendenrendite von 22,47% auf. Wahnsinn, oder? Ich halte selber ein paar Anteile aber die Dividendenrendite spielt bei der Auswahl nur eine kleine Rolle. Denn wer genau hinschaut, weiß dass Dividenden bei Öltankern sehr volatil sind. So hat Frontline in 2020 allein schon $1,60 pro Aktie ausgeschüttet (die in den letzten Monaten bei $6 bis $7 rumdümpelt). Das klingt super. Allerdings gab es im gesamten Jahr 2019 nur 10 Cent – Woops, nur noch 1,6% Dividendenrendite? Und in 2018 gab gar nichts – Oh sheit, 0% Dividendenrendite.

In dem Sinne: Nicht in die eigene Tasche lügen, sondern Augen auf beim Dividendenkauf!

Cheers.

2 Kommentare

  1. Sorry, musste bei Dividenden Talk auf Twitter doch etwas grinsen…. kenne es allerdings eher von Instagram, wo offensichtlich die meisten Aktien-Gurus zu Hause sind und sich selbst auf die Schulter klopfen =)

    Viele Grüße

1 Trackback / Pingback

  1. Das wurde woanders geschrieben – Woche 21/2021 › Fuseboroto.info

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.




Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.