Investieren in Zeiten der Pandemie?

Lasst uns ehrlich sein: Es gibt derzeit wichtigeres als über das Investieren nachzudenken. Wir sind inmitten einer Pandemie, deren Ausmaße wir noch nicht vollkommen abschätzen können. Auch wenn es in Deutschland mittlerweile mindestens 60 Millionen Virologen, Wirtschaftswissenschaftler und Systemkritiker in Personalunion gibt, es ist schwierig die mittel- und langfristigen Folgen eines Phänomens einzuschätzen, welches niemand von uns bisher erlebt hat.

Dankbar können wir den vielen (echten) Experten, medizinischen Fachkräften, Angestellten im Einzelhandel, Lieferdiensten und anderen sein, die Tag und Nacht an der Bewältigung der Krise arbeiten. Ist es angesichts dieser Ereignisse unmoralisch über das Investieren in Zeiten von COVID-19 nachzudenken? Ein Kommentar auf Twitter lautete sinngemäß, wie könnt ihr jetzt bloß über Aktien sprechen, wenn es wirklich wichtige Themen gibt?

Das hat mich zum Nachdenken angeregt. Schlussendlich bleibe ich dabei über die Geldanlage zu sprechen und, ja, auch die Auswirkungen, Risiken und Chancen die sich aus der Pandemie ergeben. Niemand braucht derzeit einen weiteren Hobby-Virologen, niemand braucht ein weiteres Foto von leeren Regalen und Jens Spahn braucht auch nicht meinen Senf zum Krisenmanagement. Ich habe davon keine Ahnung und meine uninformierte Gedanken dazu richten im Zweifel mehr Schaden an, als das sie uns auch nur einen winzigen Schritt näher an eine Lösung bringen. Ich fokussiere mich auf das Investieren. Manche mögen sagen, ich hätte hier auch nicht mehr Ahnung als von der Virologie. Das ist fair, aber immerhin schade ich hier auch niemanden, verbreite keine Panik aber glaube langfristig etwas Mehrwert zu schaffen. Gleichzeitig habe ich größtes Vertrauen in die wahren Experten. Ein Biotech Unternehmen mag zu mir kommen und um Beratung für seinen geplanten Börsengang bitten anstatt es selber zu versuchen. Warum sollte ich jetzt also dem Biotech Unternehmen einen tollen Artikel schicken, den ich im Internet entdeckt habe und der besagt, dass eine Mischung aus Intermittent Fasting und Vitamin E jeden Virus klein bekommt?

Also kommen wir zur Finanzanlage und damit zur großen Frage, die derzeit jeder stellt: Wie weit geht es noch bergab?

Die letzten Wochen brachten eine Volatilität mit sich, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Ich starre eigentlich selten auf Kurse, doch in der jüngsten Vergangenheit musste ich mich öfter mal dazu zwingen Yahoo Finance zu schließen um etwas Arbeit zu erledigen. Der Umstand, dass ich seit 2,5 Wochen im Homeoffice bin, hilft da wahrlich nicht. Ich gebe zu: Es hat etwas von Finanz-Pornographie und es ist schwer wegzuschauen.

Während das Portfolio einem Gemetzel gleicht, kann man dem Ganzen eine gewisse Faszination nicht absprechen. Die Situation fühlt sich wie ein riesiges wirtschaftswissenschaftliches Experiment an: „Was passiert, wenn wir für ein paar Monate einfach alles dicht machen?“ Und weil das Experiment so unfassbar absurd ist, weiß niemand wie es ausgeht. Die all-wissenden Märkte sind ebenfalls bzgl. Einpreisung überfragt. Das Resultat: Volatilität.

Kommen wir zur Eingangsfrage zurück: „Wie weit wird es noch runter gehen?“ Besonders beliebt ist die Frage derzeit bei Bekannten und Kollegen, die bisher nicht oder nur begrenzt am Aktienmarkt präsent waren und jetzt ihre Einstiegschance wittern. Aber niemand will natürlich zu irgendeinem Kurs einsteigen, der nicht exakt den Tiefpunkt der Krise darstellt. „Bodenbildung“ ist das Unwort dieser Wochen. Einige sehen in der Erholung der vergangenen Woche bereits das Schlimmste überstanden. Die Fed hat den Gelddrucker angeworfen, drückt jedem einigen Amis $1,200 in die Hand und Olaf Scholz will die Bazooka auspacken.

Alles wieder gut? Vielleicht. Vermutlich aber wird dabei die Wirkung von Bildern unterschätzt. Wie reagieren die Börsen, wenn in 1-2 Wochen Bilder von überforderten New Yorker Krankenhäusern kursieren? Keine Ahnung.

Die gute Nachricht: Es ist unwichtig. Es macht keinen Sinn sich einen Kopf um Bodenbildung zu machen. Am Ende geht es meistens schief, der Markt erholt sich bevor man es erwartet hat und man ist wieder nicht investiert.

Für mich sind nur zwei Fakten wichtig, die mein Verhalten in diesen Zeiten steuern:

  1. An meinen Grundannahmen bezüglich des Investierens hat sich nichts geändert. Ich glaube, dass Aktien langfristig die beste Geldanlage sind, weil sie die Arbeitskraft, die Innovationsfähigkeit, die Kreativität und unserer Gesellschaft und damit verbunden ihr Streben nach Wohlstand abbilden. Bedeutet die Krise, dass wir in der Zukunft nicht in den Urlaub fliegen, Autos kaufen, Dienstleistungen in Anspruch nehmen, in Hotels nächtigen werden, Konsumgüter produzieren und Rohstoffe fördern werden? Wohl kaum.
  2. Ich investiere nur, was ich nicht zum Leben brauche und beabsichtige über mehrere Jahrzehnte Nettosparer zu bleiben. Eine Cashreserve für schlechte Zeiten gibt mir Gelassenheit.

Solange diese beiden Grundannahmen immer noch gegeben sind, ändert sich für mich nur wenig. Ich habe etwas Cash neben der Reserve übrig, welches ich jetzt Stück um Stück ebenfalls investiere. Werde ich dabei den Tiefpunkt erwischen? Wahrscheinlich nicht. Aber wenn ich dieses Investment in 20-30 Jahren bereue, dann fürchte ich haben wir größere Probleme als meine Rendite.

Wer in Zeiten von Marktschreiern und absurden Kommentaren in Aktiengruppen bei Facebook einen erfrischen nüchternen Blick auf die Märkte bevorzugt, dem kann ich den Blog von Ben Carlson empfehlen. Er hat auch ein sehr gutes Buch geschrieben. Jetzt wo man ohnehin in der Bude hockt, kann man darin ja mal etwas schmökern.

Ansonsten hoffe ich alle Leser bleiben gesund und wohlauf. Bleibt zuhause und passt auf euch auf. In New York ist es derzeit etwas gespenstisch. Die Fallzahlen liegen mittlerweile über 26.000 und auf den Straßen ist es recht leer. Dafür scheint der New Yorker das Fahrrad und die Joggingsschuhe für sich zu entdecken. Unter anderen Umständen wäre dies eine schöne Entwicklung.

Cheers.

P.S.: Folgt mir doch auf Twitter.

2 Kommentare

  1. Hi,

    toller Beitrag und es macht irgendwie Mut. Wichtig ist, das man wirklich nur das Geld investiert, das man nicht benötigt. Gerade wo man die gesamten Ausmaße noch nicht kennt und weis wie sich die Pandemie noch weiter entwickeln wird.

    Gruß Stefan von

    Familien Finanzen im Griff

  2. Dein Beitrag hebt sich wohltuend ab. Vielen Dank dafür. Auch diese Krise wird vorübergehen. Ich lebe im Rhein-Main-Gebiet und „genieße“ es gerade, weniger Flieger am Himmel zu haben und weniger verstopfte Straßen. Schade, dass das nicht so bleibt. Bleib gesund und Du hast jetzt einen neuen Leser.

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