Ode an die Vorfreude

Wann hast du das letzte Mal auf etwas gespart, das dir wichtig war? Diese Frage wurde in einem Artikel der SZ über das Jammern der Mittelschicht aufgeworfen. Aufmerksam geworden bin ich auf den Artikel durch die neue Ausgabe des „Schulterblicks – Finanzartikel KW 39“ von Felix auf Finanzblogroll.de. Der kurze Absatz zur „Vorfreude“ in dem Artikel hat mich dann doch zum Denken angeregt. Es erscheint mir, als ob wir in einer immer schnelllebigeren Gesellschaft das schöne Gefühl der Vorfreude vergessen haben.

ode an die vorfreude

„Die Vorfreude dauert meist länger als die Nachfreude.“ – Fritz Rinnhofer

Wann hast du das letzte Mal auf etwas gespart, das dir wichtig war?

Kommen wir also zurück zu dieser Ausgangsfrage. Die Beantwortung dieser Frage wird bei vielen Menschen einen Moment brauchen. Viele Mitglieder der Mittelschicht sind es heute einfach nicht mehr gewohnt auf etwas hin zu sparen. Das hat zwei Ursachen – eine positive und eine negative.

Die positive Ursache ist in unserem hohen Lebensstandard begründet. Die allermeisten Dinge, die wir heute begehren, können wir uns prinzipiell sofort leisten. Restaurantbesuche beispielsweise, oder den neuen Fernseher oder auch den Wochenendtrip an die Ostsee. Wir müssen nicht erst unser Sparbuch mühsam über Monate befüllen, sondern haben für gewöhnlich genügend Rücklagen aus unserem laufenden Gehalt. Für einige Generationen vor uns waren solche Dinge selten und immer ein großer Anlass. Heute konsumieren wir sie mit einer großen Selbstverständlichkeit.

Die negative Ursache liegt an neuen Möglichkeiten sofort zu konsumieren, auch wenn wir es uns eigentlich nicht sofort leisten können. Einfache Finanzierungsoptionen und Sofort-Kredite gaukeln uns vor, dass es nicht mehr notwendig ist, den Konsumgenuss zu verschieben. „Warum den neuen Flachbildfernseher in sechs Monaten kaufen, wenn du ihn schon pünktlich zur neuen Staffel von „Berlin Tag und Nacht“ haben kannst, Chantal?!“. Laut dem SZ Artikel haben sich in 2015 über 40% der Deutschen für Konsumausgaben verschuldet. Letztendlich ist die Finanzierung jedoch einfach Zeuge dafür, dass wir es nicht mehr ertragen auf die „Belohnung“ durch Konsum zu warten. Wir wollen es sofort und die Industrie macht das auch möglich.

Ist sofortiger Genuss besserer Genuss?

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Dabei geschehen zwei Dinge.

Zunächst einmal verlernen wir das Gefühl der Vorfreude wert zuschätzen. Wenn wir ein bestimmtes Luxusgut begehren (beispielsweise ein neues Fahrrad) und ratierlich jeden Monat dafür 50€ zur Seite legen, wissen wir dass wir es uns in einem Jahr erspart haben. Dadurch freue ich mich einerseits zwölf Monate lang auf die Belohnung und mache mir durch den Verzicht auf anderweitigen Konsum im Gegenwert von 50€ monatlich die wahren Kosten bewusst. Andererseits habe ich auch zwölf Monate Zeit um über die Anschaffung nachzudenken. „Brauche ich das neue Fahrrad wirklich? Tut es das Alte nicht auch noch ein paar Jahre?“ Das kann effektiv Spontankäufen vorbeugen.

Als ich ein Kind war, habe ich immer ein kleines Taschengeld zur eigenen Verfügung bekommen. Während mein bester Kumpel sich von seinem Taschengeld Süßes vom Kiosk kaufte, schielte ich meist auf ein neues Spielzeug oder ein Gameboyspiel. Doch für eine solche Anschaffung war monatelanges Sparen angesagt. Und durch den Verzicht auf den Genuss von Süßem, wurde mir täglich bewusst, dass ich eine Sache aufgeben muss um eine andere zu bekommen. Meist konnte der Gedanke an das neue coole Gameboyspiel aber über die entgangenen Gummiwürmer hinwegtrösten.

Doch als Kind ändern sich Interessen sehr schnell. Sobald ich also das Geld für das ersehnte Spielzeug beisammen hatte, wollte ich es häufig gar nicht mehr. Es wurde dann oft gespart für noch größere Wünsche. Wenn ich mir doch ein Spielzeug gekauft habe, war ich danach erstmal super happy. Ich denke das Glücksgefühl nach einem Kauf kennt jeder. Doch nach einiger Zeit wurde es langweilig und oft nahm sogar eine gewisse Reue den Platz der Freude ein. Insbesondere wenn ich mir bewusst gemacht habe, wie lange ich sparen musste und weniger Süßigkeiten erwerben konnte, tendierte ich dazu den Erwerb zu bereuen. Die Nachfreude ist meist deutlich kürzer als die Vorfreude.

Das begründet wiederum die zweite Folge von unserem schnellen Konsum. Wir schätzen die Dinge, die wir konsumieren, nicht mehr wert. Wenn man monatelang auf ein Fahrrad hin spart und dafür auf den ein oder anderen Restaurantbesuch verzichtet, entsteht eine andere Wertschätzung gegenüber dem Gegenstand. Diese Wertschätzung geht verloren, wenn wir im Rahmen von Spontankäufen konsumieren. In der Folge verlieren wir auch schnell das Interesse am erworbenen Gut und brauchen einen erneuten Reiz um uns glücklich zu machen. Wir kaufen also noch mehr und das neue Fahrrad verschwindet im Keller.

Dazu fällt mir eine Stelle aus dem Buch „Die Kunst, über Geld nachzudenken“ von André Kostolany ein. Dort erzählte der Altmeister der Spekulation, dass Geld für ihn nur selten Konsum bedeutete. Der Gedanke sich den luxuriösen Ferrari im Schaufenster leisten zu können, befriedigte ihn mehr, als ihn letztendlich auch tatsächlich zu kaufen. Ich denke, er drückte damit aus, das er die Freiheit, die ihm Geld gab, höher schätzte als den eigentlichen Konsum.

Vorfreude erzwingen – Macht das Sinn?

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Diesen positiven Aspekt, dass wir uns so viele Wünsche einfach erfüllen können, sollten wir wertschätzen und nicht schlecht reden. Dennoch sollten wir davon zwei Dinge abstrahieren:

1. Können wir uns den Konsum wirklich „einfach so“ leisten?

Auf den ersten Blick scheint das für die meisten Menschen einfach zu sein: Wenn ich mehr Geld auf dem Konto habe, als mich der neue Fernseher kostet, kann ich ihn mir leisten. Doch die Tatsache sich etwas ohne Schulden kaufen zu können, impliziert nicht, dass man es sich leisten kann. Zur Visualisierung ist es hilfreich etwas Budgetplanung zu betreiben. Nur wenn ich meine Einnahmen und Ausgaben exakt kenne, kann ich determinieren, was ich mir wirklich leisten kann. Budgets helfen dabei. So kann ich festlegen wie viel monatlich zur Deckung meiner laufenden Ausgaben drauf geht, danach geht ein gewisser Teil in meinen Sparplan und ein weiterer Teil in die kurzfristigen Rücklagen. Erst wenn alle diese (und etwaige weitere) Töpfe befüllt sind, verbleibe ich mit einem Saldo, der determiniert was ich mir leisten kann.

2. Sollten wir uns leisten, was wir uns leisten können?

Menschen sehnen sich nach Belohnung. Konsum kann eine solche darstellen und uns kurzfristig Glücksgefühle bescheren. Wie oft höre ich „Das habe ich mir jetzt verdient“. Wir sehen Konsum also immer mehr als unser Recht an. Als Gegenpart zum Stress auf Arbeit oder sonstigen vermeintlichen Anstrengungen.

Doch selbst wenn wir im ersten Schritt festgestellt haben, dass wir uns etwas wirklich leisten können, stellt sich die Frage ob wir es uns leisten sollten. Dies ist selbstverständlich eine sehr individuelle Frage. Vor einem Spontankauf sollte man jedoch ehrlich mit sich ins Gericht gehen und klären ob diese Anschaffung langfristig zu unserem Glück beiträgt. Wäre nicht alternativ das Sparen auf eine große Anschaffung, die wir schon immer haben wollten eine gute Option? Sie würde schließlich mit einer großen Vorfreude einhergehen und der langfristige Sparprozess schützt vor Fehlkäufen. Dadurch ist die Chance, dass uns der Kauf letztendlich längerfristig happy macht, höher. Helfen kann auch, unser Belohnungssystem vom Konsum zu lösen. Wenn wir das Bedürfnis verspüren uns zu belohnen, können wir andere Reize finden, die dies erfüllen. Vielleicht eine Runde Sport? Eine entspannende Badewanne? Vieles kommt gänzlich ohne Ausgaben aus.

Auch die finanzielle Freiheit kann ein solches Ziel sein, auf das man kontinuierlich hinarbeitet und dabei große Vorfreude auslöst!

Cheers.

5 Kommentare

  1. Hallo Pascal,

    ich hab dazu eine kleine Anekdote aus meinem Leben.
    Durch mein Hobby Fussball und die Bezahlung auch in unteren Ligen und mit jungen Jahren hat dazu geführt, dass ich am Anfang das Geld nicht wertgeschätzt habe. Ich lebte wirklich von der Hand in den Mund. Obwohl ich für meine jungen Jahre sehr gut verdiente und nie Geldsorgen hatte, gab ich mein Geld für Partys und teuere Restaurants aus. Es fehlte einfach an Wertschätzung gegenüber Geld. Ich hatte ja keine Leistung dafür erbringen müssen, sondern hab einfach mein Hobby ausgeübt.
    Das hat sehr sehr lange gedauert, bis zu meinem ersten Ferialjob mit 18, dass ich mein verdientes Geld wertschätzte und dann auch auf die Idee kam diese zu veranlagen.
    Mittlerweile werden wir in unserer Generation von unseren Eltern so gut unterstützt, dass wir uns wenig Sorgen machen müssen mal ohne Geld dazustehen.
    Manchmal würde meiner Meinung nach, weniger Unterstützung von den Eltern den Personen ganz gut tun. Denn gerade dann musst du schauen, dass du nicht das gesamte Geld aus dem Fenster wirfst und man sich nicht immer alles leisten kann!

    Liebe Grüße
    Florian

    • Hi Florian,
      danke für diesen Einblick, ich wusste gar nicht, dass die unteren Ligen bereits zahlen!
      Den Aspekt, den du ins Spiel bringst, finde ich sehr interessant. Dadurch, dass du nicht das Gefühl hattest für dein Geld zu arbeiten, sondern es für etwas bekommst, was dir sowieso Spaß macht, hattest du eine andere Wertschätzung gegenüber dem Geld. Es scheint also so, als ob wir das Geld mehr schätzen, wenn wir es und „hart verdient“ haben.
      Ich kann das nur bestätigen. Mein erster Job als Schüler war inventurhelfer. Also stundenlang Supermarktartikel zählen (gerne auch TK-Produkte) und das für einen erbärmlichen Stundenlohn. Häufig ging dafür das ganze Wochenende drauf. Aber im Nachhinein möchte ich die Erfahrung nicht missen. Jede Ausgabe, die ich in Erwägung zog, rechnete ich ab sofort in Arbeitsstunden um. Und einen Tag harte Arbeit an einem Abend auf den Kopf zu hauen, klang dann nicht mehr sooo attraktiv.

      Ich stimme dir also zu, der Support durch Eltern ist etwas schönes. Doch man sollte seinen Kindern frühzeitig Respekt gegenüber Geld beibringen. Am besten gelingt dies mMn indem sie die Arbeit kennenlernen, die dahinter steckt.

      Beste Grüße
      Pascal

  2. Hi Pascal,

    bei mir war es ähnlich wie bei Flo. Geld verdient, Geld geht raus. In jungen Jahren war mir Geld einfach nicht wichtig und die Beschäftigung damit langweilig. Als Spätzünder hat es lange gedauert, bis ich den Wert des Geldes, aber auch den Wert von Gütern begriff. Zumindest hatte ich ein „Gefühl“ für Geld. In meinen Lehrjahren konnte ich das Phänomen des schnellen Konsums immer wieder beobachten. Die kleinsten Kleinigkeiten wurden per Kredit finanziert! Es war Konsumwahnsinn. Teilweise hatten die Käufer schon andere Kredite für an Wert verlierende Güter laufen. Das hat definitiv geschult und einen Eindruck bei mir hinterlassen.

    LG
    Johannes

    • Hi Johannes,

      ich glaube es dauert bei jedem etwas, bis man den Wert des Geldes begreift. Zuerst kommt die Begeisterung darüber, was man so alles damit kaufen kann. Dann kommt die Einsicht, dass etwas Sparen am Ende vielleicht sogar noch viel mehr Freude bringt. Aber in deinem Fall kann man ja noch nicht von einem Spätzünder sprechen, oder? Die meisten Menschen begreifen es erst ein Jahr vor der Rente 😉
      Und am Besten ist ja immer durch die Fehler anderer zu lernen, dann muss man sie nicht selber machen. Das scheint bei dir durch deine Lehrjahre der Fall gewesen zu sein. Kreditfinanzierter Konsum ist ein wahrlich trauriger Trend.

      Beste Grüße
      Pascal

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