Vom Sinn und Unsinn einer Aktienanalyse

Am Montag dieser Woche hatte mein geschätztes Alter Ego Finn-Sören seine semi-wissenschaftliche SSVP-Aktienanalyse veröffentlicht. Als Beispiel wählte der passionierte Hipster eine Aktie, die ihm sehr am Herzen liegt: Starbucks.

Die Reaktionen auf den Artikel, die sich in meinem Mailfach sammelten, riefen bei mir einerseits ein Schmunzeln und andererseits eine tiefe Verwirrung hervor. Jedenfalls waren sie sehr lehrreich für mich.

Um es noch mal (leider scheinbar notwendig) klarzustellen: Die Aktienanalyse von Finn-Sören war natürlich Satire. Wer meinen Blog kennt, der weiß, dass ich kein Freund von Einzelaktien bin. Finn-Sören dient mir öfter mal als negatives Exempel eines emotionalen (und etwas verhipsterten) Investors.

Sinn und Unsinn einer Aktienanalyse

Ganz im Gegenteil: Ich halte die wachsende Anzahl von Aktienanalysen durch Kleinanleger auf ihren Blog für mindestens fahrlässig, wenn nicht gar gefährlich für naive Investoren. Eine Aktienanalyse kann aber zugegebenermaßen im begrenzten Maßstab auch sinnvoll sein. Daher möchte ich in diesem Post über den Sinn und Unsinn einer Aktienanalyse schreiben.

Doch zunächst zu meinen Lehren aus dem letzten Post.

Satire ist nicht einfach

Als ich die Aktienanalyse zu Starbucks geschrieben habe, sah ich sie im Kontext meiner übrigen Posts. In meinem Auge strotzte sie also von Ironie. Sie war so persönlich, oberflächig und technisch fahrlässig geschrieben, dass ich nie davon ausging, jemand könnte sie für bare Münze nehmen. Mein Punkt war ja gerade, dass die typische Aktienanalysen auf Finanzblogs genau das sind: oberflächlich und unsinnig.

Doch mein Fehler war, neue Besucher meines Blogs nicht richtig abzuholen. Außerdem habe ich unterschätzt, wie schwer niedergeschriebene Satire ist. Der erste Kommentar hat zwar die Satire nicht erfasst, aber wenigstens erkannt wie schwachsinnig die Analyse war. Damit kann ich ja sehr gut leben.

Im Anschluss bekam ich aber mehrere Emails. Über Emails freue ich mich ja immer, über interessante Austauschmöglichkeiten ebenso. Doch die Absender gratulierten mir tatsächlich zur Analyse und wollten mehr zum Potenzial von Starbucks wissen. Außerdem wurde sich erkundigt, ob ich nicht noch weitere spannende Tipps für sie hätte. Ebenso wurden mir (weitgehend unbekannte) Aktien vorgeschlagen. Ich solle doch mal ein Auge darauf werfen und mitteilen was ich davon halte. Ernsthaft jetzt?

Sinn und Unsinn einer Aktienanalyse

Kaufe nur was du verstehst – Die sinnvolle Seite der Aktienanalyse

Aktienanalysen können ja auch Sinn machen. In einem sehr begrenzten Maßstab. Ich bin kein Freund von Einzelaktien, kann aber eine Buy-and-Hold Strategie von Einzelaktien nachvollziehen. Diese kann sogar sinnvoll sein, weil sie individuellen Investorenansprüchen besser entsprechen kann. Dem kurzzeitigen Spekulieren auf Kursanstiegen kann ich jedoch nichts abgewinnen.

Wer Einzelaktien im Rahmen ein Buy-and-Hold Strategie ein sein Portfolio aufzunehmen erwägt, sollte wissen was er oder sie kauft. Außerdem muss ein Kandidat immer dem individuellen Risikoprofil entsprechen.

Ich bin der Meinung, dass ich das Geschäftsmodell eines Unternehmens einigermaßen verstanden haben sollte, bevor ich mich an ihr beteilige. Ich kann dadurch noch nicht ihr Kurspotential oder langfristige Dividendenrendite abschätzen. Aber ich kann verstehen, was die Ertragstreiber sind und was das Geschäftsmodell eventuell bedrohen würde. Eine Art von SWOT-Analyse ist also ganz sinnvoll. Eines sollte dabei jedoch keine Rolle spielen: Die Frage, ob ich das Produkt mag (siehe Finn-Sören und sein Vanilla Latte).

Ebenso kann ich mir Daten zur Volatilität der Aktie in der Vergangenheit anschauen (meinetwegen sogar anhand eines Charts). Dies kann mir Aufschluss darüber geben, welche Schwankungen ich eventuell in der Zukunft erwarten kann. Im zweiten Schritt kann ich diese Erkenntnisse dann meinem Risikoprofil zuordnen. Ein Unternehmen, das mit Konsumgütern handelt, ist halt wahrscheinlich langfristig weniger volatil in seiner Entwicklung als beispielsweise ein Start Up mit einer innovativen Technologie. Das eine ist nicht besser als das andere, es muss sich nur mit meiner Anlagestrategie decken. Wenn ich im Rahmen einer Buy-and-Hold Strategie von einer sehr langen Haltedauer ausgehe, so würde ich vermutlich zu einem großen Block an weniger volatilen Aktien mit entsprechender Dividendenhistorie tendieren. Dazu eventuell einen kleinen, risikoreicheren Block mit entsprechendem Kurssteigerungspotenzial.

Die meisten Aktienanalysen sind Hokus Pokus und Selbstbeweihräucherung

Sinn und Unsinn einer Aktienanalyse

Mittlerweile haben ja eine Vielzahl von Finanzbloggern Aktienanalysen im Angebot. Dazu haben sie teilweise recht kreative Ansätze. Schön strukturiert in verschiedene Bewertungsebenen werden Aktien genüsslich analysiert. Dazu gibt es professionell anmutende Punktesysteme, die meist vollkommen willkürlich sind (Finn-Sören sein SVSPA war als satirisches Gegenstück gedacht).

Tatsächlich haben die Analysen meist folgende Gründe.

Zunächst ist da das Phänomen der Selbstrechtfertigung. Man kauft eine Aktie, weil man sie für interessant hält (oder einfach Kaffee mag). Dazu möchte man dann aber noch fundamentalere Gründe finden, um die Kaufentscheidung zu plausibilisieren. Das Gewissen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, soll beruhigt werden.

Außerdem haben fancy Aktienanalysen ja immer auch ein Signalling-Effekt. „Guck hier, SWOT, Chart, Kennzahlen und dazu ein ausgefeiltes Punktesystem. Ich bin offensichtlich ein Experte.“

Sorry, aber wenn du aus deiner Analyse darauf schließt, einen Geheimkandidaten mit enormen Potenzial gefunden zu haben, bist du eventuell ein Hellseher aber gewiss kein Experte.

So weit, so egal kann einem das eigentlich sein. Problematisch wird es nur, wenn Menschen dem vermehrt Glauben schenken. Und sein wir ehrlich: Wenn es um scheinbar einfach verdientes Geld geht, schalten viele Menschen gerne mal das Gehirn aus. Eine solche Aktienanalyse täuscht fälschlicherweise vor, dass es quasi fundamentale Beweise für das Potenzial einer Aktie gibt. Für Jemanden, der sich nie tiefgehend mit Aktien beschäftigt hat, machen die Ausführungen extrem viel Sinn. Durch Punktesysteme, habe ich sogar die Möglichkeit, alle Kandidaten direkt zu vergleichen. Das Unternehmen mit der höchsten Punktzahl kaufe ich dann halt. Dabei werden individuelle Ansprüche an die Finanzanlage vollkommen ignoriert.

Die typischen Bestandteile einer Aktienanalyse

1. Vorstellung des Geschäftsmodell und SWOT Analyse

Wie gesagt – wer eine Einzelaktie kauft, sollte das Unternehmen dahinter einigermaßen verstanden haben. Eine Vorstellung des Unternehmens und seines Geschäftsmodells ist daher Teil jeder Analyse. Dabei sollte insbesondere darauf eingegangen werden, wie das Unternehmen Umsatz generiert und auf welchen Märkten es aktiv ist. Eine Darstellung der Kundengruppen und des Wettbewerbs scheint ebenso angebracht zu sein. Modelle wie Porter’s 5 Forces können bei der Darstellung helfen, sind aber halt immer nur vereinfachende Modelle.

Eine SWOT Analyse kann angebracht sein. Die Beschäftigung mit den Stärken, Schwächen, Chancen und Gefahren eines Geschäftsmodells, kann aufschlussreich sein. Jedoch sind auch sie zumeist vergangenheitsbezogen und die Gewichtung wird durch persönliche Präferenzen geprägt. Eine vorgefertigte SWOT-Analyse kann sinnvolle Denkanstöße geben. Eine eigene Beschäftigung mit dem Unternehmensumfeld ersetzt sie nicht.

Fazit: Durchaus sinnvoll.

2. Langfristchart

Sinn und Unsinn einer Aktienanalyse

Darf scheinbar bei keiner Analyse fehlen. Ich vermute der Grund dafür ist, dass die Visualisierung der vergangenen Entwicklung enorme Resonanz beim Leser (und vermutlich auch beim Autor) hervorruft. Grafiken können die Welt vereinfachen aber halt auch eine falsche Sicherheit liefern. Besonders Menschen vom Schlage „Hätte, wenn und aber“ lieben Langfristcharts. Schließlich scheint der Graph alles zu bestätigen, was der Autor in ihn hineininterpretiert. Die vergangenen Kurssteigerungen bestätigen die positive Grundhaltung des vermeintlichen Experten. „Hätte ich doch bloß schon vor zwei Jahren investiert.“ Und die Zukunft wird in buntesten Farben gemalt. „Was wenn er Recht hat, dann könnte ich mein Erspartes innerhalb von zwei Jahren verdoppeln!“. Bedenken werden mit Verweis auf die vergangene Entwicklung weggewischt. „Aber es ging bisher immer nur bergauf, warum sollte sich das ändern? Die Menschen lieben Kaffee!“.

Fazit: Eventuell kann man bei Betrachtung des Langfristcharts ein Gefühl für die Volatilität bekommen. Ansonsten gilt, dass der Spruch „Vergangene Performance ist kein Indikator für zukünftige Entwicklung“ nicht bloß ein staubiger Haftungsausschluss, sondern Realität ist.

3. Finanzkennzahlen

Ahhhh, wohlklingende Finanzkennzahlen. Welch ein denglisher Genuss. Und kaum ist das Wort „dividend yield“ ausgesprochen, weht auch schon ein Hauch von Wallstreet durch das heimische Wohnzimmer. Und wer nur lange genug sucht, der wird auch die richtige Kennzahl finden, um seine eigene These zu unterstützen. Es gibt schließlich genügend.

Bei der Verwendung von Kennzahlen sind allerdings drei Dinge zu beachten. Erstens basieren auch sie auf vergangenheitsbezogenen Daten und liefern nur sehr begrenzt Auskunft über die Zukunft. Zweitens muss tiefgehend verstanden werden, was die Kennzahl aussagt und es muss Bewusstsein über ihre bilanzpolitische Anfälligkeit geschaffen werden. Drittens sagen viele Kennzahlen alleinstehend wenig aus. Sie sollten vielmehr als Benchmark zu einer Peergroup gesehen werden.

Fazit: Finanzkennzahlen dienen der Unternehmenssteuerung. Zukünftige Kursexplosionen können sie nicht vorhersagen.

4. Analysteneinschätzungen

Sinn und Unsinn einer Aktienanalyse

Viele Blogger geben gerne eine Übersicht über die Einschätzungen professioneller Analysten. Wie viele empfehlen zum „buy“, „hold“ oder „sell“? Der zweifelhafte Nutzen der Aktienanalyse lässt sich häufig auch an der heterogenen Meinungslandschaft der Profis ablesen. Was sagt es schon aus, wenn 4 Banken zum Kauf raten, 2 zum Halten und 2 zum Verkauf? Sieg nach Punkten für Aktie XY? Merkste selber, ne?

Fazit: Vollkommen unnötig.

5. Wachstums- und Managementanalyse

Die Wachstumsrate der Vergangenheit wird gerne auf die Zukunft extrapoliert. Macht das Sinn? Nein, denn Unternehmenswachstum und Aktienkurse verlaufen nicht monoton. Es besteht zwar ein Momentumeffekt aber auf diesen zu setzen erscheint töricht. Außerdem ist Umsatzwachstum nicht immer gut. Wenn ich 10 Häuser für je 10 Millionen Euro kaufe und sofort wieder für je 8 Millionen Euro verkaufe, habe ich zwar ordentlich Umsatz erzielt. Allerdings auch ordentlich Verlust erwirtschaftet. Insbesondere bei Start Ups ist Umsatzwachstum häufig teuer erkauft.

Die Güte des Managements zu bewerten, halte ich ebenfalls für äußerst problematisch. Wie will man das verlässlich machen? Scheinbar wird hier gerne die Entwicklung von bspw. der Eigenkapitalrendite betrachtet. Wie viel diese über das Management aussagt, bleibt zweifelhaft.

Fazit: Willkürlich und ohne Aussage.

6. Chartanalyse

Mit technischen Analysen kannst du mich jagen. In lauter Balken, Raketen, Candlesticks, Dreifachhochs und Parabolic SARs sieht der Autor plötzlich Muster. Ohhhh, und diese Muster versprechen einen Trend. Der Trendkanal ist schnell gezeichnet und das Kursziel lässt sich einfach ablesen. Und ist da nicht eine Unterstützung bei 53 Euro? Tatsache! Na wenn das kein Buy ist, fress ich doch ein Pie Chart!

Gib mir deinen Chart und ein entsprechendes Programm und ich zeichne dir solange Linien und Korridore ein, bis du dein gewünschtes Ergebnis erhalten hast… Dem Ganzen gebe ich dann den Namen „Fyou Money Return on Investment Deluxe Indicator“ und zack habe ich schein-wissenschaftliche Unterstützung für meine These.

Fazit: Sieh dich lieber nach einer Glaskugel um.

Die Alternative

Sinn und Unsinn einer Aktienanalyse

Lass die Aktienanalyse sein, kauf dir ein paar Anteile an breitgestreuten Indexfonds. Bespare diese regelmäßig. Nutze die gesparte Zeit für schönere Dinge im Leben und erziele auf Dauer auch noch mehr Rendite.

 

Wie ist deine Meinung zur Aktienanalyse? Würde mich über Kommentare freuen!

Cheers.

2 Kommentare

  1. Hi. Ich war beim letzten Artikel tatsächlich über die Satire verwundert. Analysen sind extrem Sinnvoll, wenn man sich dadurch mit dem beschäftigt, was man kauft. Man sollte sich extrem auskennen mit dem Unternehmen, nur dann macht stock picking sinn. Die Katze im Sack ist schnell gekauft. Als Investor möchte ich aber keine „Katze“ kaufen. Darum war mir der letzte Artikel schleierhaft. Dieser ist deutlich sachlicher und eine ernste Auseinandersetzung mit dem Thema ist auch interessanter als bloße Satire.
    Weiter so.

  2. Hi Pascal,
    ich gebe dir Recht, die Satire war vielleicht zu subtil. Ebenso stimme ich in der Sache zu. Stockpicking ist (wenn überhaupt) etwas für Experten. Eine Aktienanalyse auf einem Blog oder eine Analyse des Geschäftsberichts ist keine ausreichende Grundlage um einen „hidden Champion“ zu identifizieren. Aber es wirkt halt professionell…

    Danke dir und beste Grüße
    Pascal

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